Roter Teppich oder Handschellen
Am Anfang des Jahres ist die Hoffnung knapp. Nicht nur der Krieg in der Ukraine tobt weiter und Putin scheint immer wahnsinniger im Töten zu sein. Nicht nur die Kinder in den Ländern, die durch Kriege verwüstet sind, wie Gaza, Sudan oder Afghanistan, hungern weiter, sondern neue Konflikte oder Kriege stehen vor der Tür. China droht den Taiwanesen mit Truppenübungen rund um die Insel, und es scheint so, als ob alle befürchten, dass das Trump-Beispiel aus Venezuela andere Machthaber der Welt ermutigen könnte, ihre Interessen und ihren Ehrgeiz militärisch zu lösen.
Klar ist, dass Maduro ein selbsternannter Despot war und viele sich freuen, dass er weg ist. Doch zu bezweifeln ist, dass Trump ihn wegen Drogenhandels oder – noch weniger – wegen Verletzung demokratischer Prinzipien entführen ließ, sondern, wie schon fast bewiesen wurde, wegen des Zugangs zu den weltgrößten Erdöllagerstätten. Mit dem roten Teppich für Putin und Handschellen für Maduro zeigte Präsident Trump zynisch, dass nicht das Ausmaß des Verbrechens, sondern die Stärke und Position eines Landes in den Augen der amerikanischen Politik darüber entscheidet, wie Despoten betrachtet werden. Damit können zum Beispiel Xi Jinping oder Netanjahu weiter hoffen, dass ihnen eher ein roter Teppich als Handschellen bereitet werden.
Der Einsatz in Venezuela, die Äußerungen über Grönland, die vorgetäuschten Friedensgespräche, in denen die Begriffe „Opfer“ und „Aggressor“ durcheinandergebracht werden, zeigen, was Trump von Völkerrecht und Verträgen hält.
Der Einsatz in Venezuela, die Äußerungen über Grönland, die vorgetäuschten Friedensgespräche, in denen die Begriffe „Opfer“ und „Aggressor“ durcheinandergebracht werden, zeigen, was Trump von Völkerrecht und Verträgen hält. All das vertieft die Gefahr einer Demontage der Weltordnung, die man nach den Erfahrungen der Weltkriege aufzubauen versucht hat.
Es stimmt, dass die Eliten des Westens mit ihren demokratischen und menschenrechtlichen Parolen manchmal unverständlich handeln, nicht nur gegen christliche Werte, sondern sogar gegen das Naturrecht. Es stimmt aber auch, dass gegenwärtig grausame Angriffe und Verbrechen oft als Verteidigung religiöser Werte dargestellt werden. Russland und der Iran zeigen sich als die besten Beispiele dafür. Dank der Medien sind unsere Meinungen zerrissen, unsicher und ohne Anker. So ist die Atmosphäre des Jahresanfangs.
In dieser Stimmung traf ich plötzlich auf einen Funken der Hoffnung für die Welt – im Hirtenbrief zum Silvester des Leitmeritzer Bischofs Stanislav Přibyl, in dem er 2026 zum „Jahr der Versöhnung“ erklärt. Er schrieb dort:
„Vor achtzig Jahren erlebten die Menschen die Freude über das Ende des Krieges und den Frieden, doch neben der Euphorie kam es auch zur Abrechnung – mit den Menschen und mit der Vergangenheit. Diese Abrechnung nahm an vielen Orten Mitteleuropas die Form der Umsiedlung der ursprünglichen Bevölkerung und der Neubesiedlung an, um das Problem des nationalen Zusammenlebens zu lösen. In unserer Diözese betraf dies die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. (…) Das Prinzip der Kollektivschuld sowie der oft begleitende Zorn und der Wunsch nach Rache, das plötzliche Erlangen von Besitz ohne Arbeit und ohne tiefere Bindung an den Ort – all dies hat vor allem in uns und zwischen uns tiefe Narben hinterlassen. (…) Von unserer tschechischen Seite kam es nicht selten zu Exzessen: zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Erniedrigungen – bis hin zu dem Ausmaß, dass nicht wenige der vertriebenen Deutschen aus Verzweiflung den Freitod wählten. Der Höhepunkt dieser Taten waren Ereignisse, die ohne Übertreibung als Massaker bezeichnet werden können, wie etwa in Aussig an der Elbe oder in Postelberg. (…)
Stanislav Přibyl, Bischof von Leitmeritz. Foto: Roman Albrecht/Wikimedia CommonsWas aber können wir heute tun? Es ist niemals zu spät, zurückzublicken und mit den Mitteln, die Gott uns gegeben hat, menschlich Unlösbares anzugehen – und das sind gegenseitige Vergebung und Versöhnung. Nach Beratung im Priesterrat habe ich daher beschlossen, das Jahr 2026 zum diözesanen Jahr der Versöhnung zu erklären. Sein Kern werden zwölf Gottesdienste der Versöhnung sein, die in der Regel an Orten stattfinden werden, an denen die Vertreibung besonders unmenschlich war. (…) Darum rufe ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, auf, sich an diesem Prozess der Versöhnung zu beteiligen – im Bewusstsein, dass wir, auch wenn wir nicht diejenigen waren, die vor achtzig Jahren ihren Nächsten Unrecht taten, doch von jener lebensspendenden Bewegung der Vergebung leben, um die wir in dem Gebet bitten, das uns unser Herr Jesus Christus selbst gelehrt hat: ‚Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‘“
Mit den Worten aus Tschechien kam ich wieder zu dem Glauben, dass trotz allem, was Menschen durch Hass und Neid falsch, boshaft und mörderisch tun, die einfachen Worte Jesu genug Zuhörer finden und am Ende gewinnen.








